Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Akademie für Philosophische Psychologie

Category: Identität und Individualismus

Psychologie in Mythen und Märchen

Gustave Moreau [Public domain], via Wikimedia Commons

Gust­ave Moreau [Public domain], via Wiki­me­dia Commons

Über die todessehnsüchtige Melancholie der Ungeheuer

Die Plots aus­neh­mend vie­ler Mär­chen und Mythen ran­ken sich immer wie­der um abson­der­li­che Gestal­ten und Figu­ren, um selt­sa­me Wesen. Nicht sel­ten sind es Mon­ster, deren Exi­stenz äußerst pro­ble­ma­tisch ist. Oft sind sie ent­stellt, der Zugang zu ihrer eige­nen Natur ist ihnen genom­men. Eigent­lich dürf­ten sie gar nicht sein, aber es ist etwas Unge­heu­er­li­ches vorgefallen. 

Ein Fluch, ein böser Zau­ber liegt über dem gan­zen Land und läßt sich ein­fach nicht lösen. Irgend etwas hat die­ses Mon­ster auf den Plan geru­fen, das Unge­heu­re ist nicht ein­fach nur da. Es taucht nicht ein­fach nur auf, son­dern ist selbst ver­ur­sacht. Und nun gehen von Stund an ganz erheb­li­che Wir­kun­gen davon aus. Nichts kann so blei­ben wie es ist, aber nichts läßt sich ändern. Die Lage ist aus­sichts­los, zu vie­le haben es bereits ver­sucht, sind kläg­lich geschei­tert und haben dabei ihr Leben verloren.

Es ist bemer­kens­wert, wie erstaun­lich anschluß­fä­hig mär­chen­haf­te Unge­heu­er und mythi­sche Mon­ster eigent­lich sind. Sie sind nicht sel­ten unglück­lich über sich selbst. Aber der Zau­ber einer Untat hat Macht über sie, hat sie ins Leben, in die Wirk­lich­keit geru­fen, hat ihnen zu erschei­nen befoh­len und nun sind sie da, eben­so unge­heu­er­lich wie bere­chen­bar, nach­fühl­bar, in ihrer Exi­stenz nach­voll­zieh­bar, wenn man ihnen nur Gele­gen­heit bie­tet, zu sagen, was es mit ihnen auf sich hat. – Das Mon­ster betritt die Büh­ne stets in dem Augen­blick, von dem ab die Hand­lung ihren unum­kehr­ba­ren Ver­lauf neh­men wird, alles läuft zunächst auf die Kon­stel­la­ti­on abso­lu­ter Aus­weg­lo­sig­keit hin­aus. Der Schlaf der Ver­nunft gebiert die­se Ungeheuer.


Ironie und Ironiker

Stuck-Dissonanz

Franz von Stuck: Dissonanz.<fn>München, Vil­la Stuck via @ www.zeno.org.</fn>

Irrtum verschleiert

Der geläu­fig­ste Vor­wurf gegen Iro­nie dürf­te noch immer der sein, sie der Ver­stel­lung, des Betrugs, ja sogar der Lüge zu bezich­ti­gen. Das aber ist nicht wirk­lich der Fall, zwar ver­schlei­ert sich jede Iro­nie nur zu gern, sie schätzt die Anspie­lung, das­Wort­spiel, den Über­griff, aber im Unter­schied zur Lüge ist sie durch­aus dar­auf anlegt, ent­deckt zu werden.

Bei­de, sowohl die Lüge als auch die Iro­nie ver­let­zen das Wahr­heits­ge­bot, aber sie wäh­len unter­schied­li­che Stra­te­gien, um zu errei­chen, was sie sich zum Ziel gesetzt haben: Die Lüge wird die für sie ent­schei­den­de Dif­fe­renz zwi­schen Sagen und Mei­nen, zwi­schen Behaup­tung und Wirk­lich­keit als per­sön­li­ches und bela­sten­des Geheim­nis mög­lichst dau­er­haft ver­heim­li­chen; sie wird gege­be­nen­falls wei­te­re Schutz­be­haup­tun­gen auf­stel­len, neue Legen­den bil­den, um die tat­säch­lich vor­han­de­ne Dif­fe­renz zwi­schen Wahr­heit und Unwahr­heit nur nicht spür­bar, offen­sicht­lich und offen­bar wer­den zu lassen.

Anders dage­gen die Iro­nie, auch sie arbei­tet auf der Grund­la­ge sol­cher Dif­fe­ren­zen, aber es geht ihr nicht dar­um, eine Täu­schung auf­recht zu erhal­ten, son­dern sie möch­te gera­de von einem Irr­tum befrei­en. Für den Lüg­ner ist die Unwahr­heit ein Zweck, für die Iro­nie ist sie nur ein Mit­tel. Der Lüg­ner ver­spricht sich von der Behaup­tung der Unwahr­heit einen per­sön­li­chen Vor­teil, dem Iro­ni­ker ist dar­an gar nicht gele­gen. Er ver­sucht einen Irr­tum als sol­chen zu ent­schlei­ern, aber aus bestimm­ten Grün­den geht er nicht direkt son­dern nur indi­rekt vor. – Wür­den Iro­ni­ker und Lüg­ner auf­ein­an­der­tref­fen und soll­te der Iro­ni­ker die Lügen durch­schau­en, er wür­de auf die Ver­si­che­run­gen des Lüg­ners nicht mit der übli­chen Ent­rü­stung reagie­ren. Er wür­de viel­mehr ein Spiel mit dem Lüg­ner und mit sei­ner Lüge beginnen.

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Der Bildungsnomade

Hochschullehrer Dr. Heinz-Ulrich Nennen arbeitet in einem amerikanischen Reisemobil am Kanal

Der Bildungsnomade

Von Julia Gottschick 

Westfälische Nachrichten, 26.06.2015

Mün­ster – Unter einem grü­nen Schirm, zwi­schen Bir­ken­stäm­men, sitzt der Phi­lo­soph am Dort­mund-Ems-Kanal und tippt in sein Note­book. (…) War­um er in Mün­ster am Kanal arbei­tet, in einem Heim auf Rol­len? „Na“, ant­wor­tet der Mann, der in Rhei­ne gebo­ren ist, und schiebt sich eine silb­ri­ge Locke hin­ters Ohr, „weil Mün­ster mei­ne Hei­mat ist und ich ein gei­sti­ger Noma­de. Ich brau­che stän­dig Per­spek­tiv­wech­sel.“ Sess­haf­tig­keit ist nichts für einen wie ihn, der am Kanal „gedul­det ist“ („man kennt mich hier“) und in Karls­ru­he im Hotel über­nach­tet. Mit dem Win­ne­bago dort­hin zu fah­ren, das hat er schnell dran­ge­ge­ben. „35 Liter Super schluckt der, und es kostet Ner­ven, ihn zu fah­ren“, ver­rät Nen­nen und schickt ein belu­stig­tes Blit­zen aus Bern­stein-Augen hin­ter­her. Fährt er mit dem Wagen durch die Stra­ßen, blei­ben die Leu­te am Rand ste­hen und lachen. „Das ist ein­fach ein Unge­tüm.“ Teil sei­ner phi­lo­so­phi­schen Exi­stenz, sei der Win­ne­bago eine Art Selbst­ver­such. Anders als Dio­ge­nes in der Ton­ne ist der 60-Jäh­ri­ge jedoch mit der Zeit gegan­gen – immer­hin hat der Wagen Dusche und Klimaanlage.

Und so sitzt Heinz-Ulrich Nen­nen heu­te im Wind­schat­ten des Unge­tüms, Bir­ken­pol­len im Haar und klei­ne Gewit­ter­flie­gen auf den Schul­tern, und berei­tet sei­ne Vor­le­sun­gen vor. An der „Gren­ze zwi­schen Psy­cho­lo­gie, Anthro­po­lo­gie, Kul­tur­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie“ geht er der „Erschöp­fung des Selbst“ auf die Spur und arbei­tet her­aus: Was ist das genau, ein Burn­out? Und wie ent­ste­hen Depres­sio­nen? Dafür doku­men­tiert er, was in den Köp­fen der Men­schen heu­te so vor­geht. Beleuch­tet den krank­ma­chen­den Drang, sich für alles ver­ant­wort­lich zu fühlen. (…)

In den Seme­ster­fe­ri­en soll Nen­nens neu­es Buch erschei­nen. „Die Mas­ken der Göt­ter“, sagt er, sei ein Stück Psy­cho­lo­gie auf der Grund­la­ge von Göt­ter­ge­schich­ten. Exper­ten in Lie­bes- und Kriegs­an­ge­le­gen­hei­ten, sei­en alle Gott­hei­ten schon immer unse­re Pro­jek­tio­nen gewe­sen. „Und weil sie das sind, sind sie nicht nichts.“

Ein hel­ler Kopf, der Mann am Kanal, der dort eine eige­ne „Phi­lo­so­phi­sche Ambu­lanz“ betreibt. Der Begriff sei ein Gag, räumt er ein, sein Anlie­gen jedoch ernst gemeint. Wer zu ihm kommt, dem hilft er, „durch Erwä­gen neue Ein­sich­ten zu gewin­nen“. Phi­lo­so­phie als See­len­heil­kun­de also, Bera­tung zur Selbst­be­ra­tung – „für alle Zwei­fels­fäl­le des Lebens, des Den­kens und nicht zuletzt des Fühlens“.

Arti­kel