Heinz-Ulrich Nennen | www.nennen-online.de

ZeitGeister | Philosophische Praxis

Akademie für Philosophische Psychologie

Category: Zeitgeist

Wir alle spielen Theater

Wir alle spielen Theater

WS 2020 | donnerstags | 12:00–13:30 | Raum: Online
Beginn: 5. Nov. 2020 | Ende: 18. Febr. 2021

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Mat­thieu Bou­rel: Self­con­fi­dence, Autonomy.—Quelle: https://​high​li​ke​.org.

Die Meta­pher vom Thea­ter ist neben der von der Schiff­fahrt von para­dig­ma­ti­scher Bedeu­tung. Im Mit­tel­al­ter sah man die Welt als Büh­ne, mit nur einem ein­zi­gen Zuschau­er, Gott.—Das ist nur eine von vie­len Sta­tio­nen in der Psy­cho­ge­ne­se, die sich so beschrei­ben läßt, daß wir im Ver­lau­fe der Zeit vie­les ›ver­in­ner­li­chen‹.

Ganz all­mäh­lich ist der inne­re Kos­mos unse­rer Psy­che immer umfang­rei­cher gewor­den. Das wie­der­um führ­te dazu, daß wir auch in der Rol­len­über­nah­me inzwi­schen anders vorgehen.—Rollen wer­den immer weni­ger ›gespielt‹, son­dern von innen her ›ent­wickelt‹. Wir suchen und fin­den in der eige­nen Psy­che den per­sön­li­chen Zugang zu einer Figur, deren Rol­le über­nom­men wer­den soll.

In die­sem Sin­ne ist die Schau­spiel­theo­rie auch psy­cho­lo­gisch von gro­ßer Bedeu­tung, gera­de auch in Hin­sicht auf Iden­ti­täts­phi­lo­so­phie. Die Viel­falt in der eige­nen Psy­che wird nicht nur immer kom­ple­xer, son­dern auch wider­sprüch­li­cher. Dabei zeigt sich eine inter­es­san­te Ent­wick­lung, die das The­ma die­ses Semi­nars sein soll, die Mög­lich­keit, mit ›mul­ti­plen Iden­ti­tä­ten‹ umge­hen zu kön­nen. So hat der Schau­spiel­leh­rer Kon­stan­tin Ser­ge­je­witsch Sta­nis­law­ski einen neu­en Ansatz ent­wickelt, wie die Arbeit des Schau­spie­lers an sich selbst und im schöp­fe­ri­schen Pro­zeß des Erle­bens einer Figur, des Ver­kör­perns und der Arbeit an der Rol­le sehr viel inten­si­ver gestal­tet wer­den kann.—Eine Rol­le nur zu spie­len, das genügt kei­nes­wegs, das wäre schlech­tes Thea­ter. Es kommt dar­auf an, die Figur, die Rol­le, die Welt einer Hand­lung in sich zu suchen, zu fin­den und sich dann hineinzufühlen. 

Auch der US–Amerikanische Schau­spiel­leh­rer Lee Strasberg ent­wickel­te mit dem Method Acting einen neu­en, tie­fe­ren Zugang zur Schau­spiel­kunst, um die Natür­lich­keit und die Inten­si­tät der schau­spie­le­ri­schen Dar­stel­lung zu stei­gern. Mit Hil­fe eines von ihm ent­wickel­ten Instru­men­ta­ri­ums soll­ten Schau­spie­ler die Rol­le in sich selbst fin­den, her­aus­zu­brin­gen, um dann damit zu verschmelzen.

Jean–Léon Gérô­me: The Duel After the Mas­quer­a­de (1857f.). Es ist ein Clown,
ein Pirot, der nach der Vor­stel­lung duel­liert und töd­lich getrof­fen niedersinkt.
—Quel­le: Public Domain via Wikimedia.

Aber nicht nur für Schau­spiel und Schau­spiel­kunst ist das alles von Inter­es­se. Auch im Zuge der Psy­cho­ge­ne­se und vor dem Hin­ter­grund, daß wir alle immer mehr Thea­ter spie­len und immer wei­ter aus­dif­fe­ren­zier­te Rol­len über­neh­men, wird die Fra­ge der Ein­füh­lung von immer grö­ße­rer Bedeu­tung. Wir leben in unru­hi­gen Zei­ten, was auch damit zusam­men­hängt, daß die Psy­cho­ge­ne­se wie­der einen Schritt wei­ter vor­an­ge­schrit­ten ist. Das ist der aktu­el­le Stand in die­ser Ent­wick­lung, daß wir nicht mehr Rol­len über­neh­men, son­dern ver­schie­de­ne Iden­ti­tä­ten, um die­se zunächst aus uns selbst her­aus zu entwickeln.—Damit kommt eine wei­te­re, sehr gro­ße Her­aus­for­de­rung in die Welt, es gilt, nicht mehr nur ›authen­tisch‹ zu sein, son­dern eben auch ›viel­fäl­tig‹ in der Varia­ti­on der Iden­ti­tä­ten, die ein­an­der wider­spre­chen kön­nen. Das ist offen­bar eine ganz neue Errun­gen­schaft, die aller­dings mit erheb­li­chen Irri­ta­tio­nen einhergeht.

Der Mensch in der Moder­ne ist ein Trä­ger vie­ler Mas­ken. Das ist eigent­lich eine ganz ent­schei­den­de, höchst aktu­el­le Errun­gen­schaft, die Fähig­keit, mul­ti­ple Iden­ti­tä­ten ver­kör­pern zu kön­nen, die sogar mit­ein­an­der im Wider­streit ste­hen kön­nen. Aber die Sou­ve­rä­ni­tät, dann auch tat­säch­lich dar­über zu ver­fü­gen, hält sich der­zeit noch in Gren­zen. Um die neu­en Kom­pe­ten­zen an den Tag zu legen, fehlt noch immer der Mut, die Legi­ti­mi­tät des eige­nen Indi­vi­dua­lis­mus, der die eige­ne Auto­no­mie erst selbst ernst neh­men müß­te. Nur weni­gen gelingt es bereits. All­über­all schämt man sich des­sen, spricht von Wahr­heit, Empa­thie, Authen­ti­zi­tät, Auf­merk­sam­keit und vom wah­ren Selbst, als ob es das wirk­lich gäbe.

Das unum­gäng­li­che Mas­ken­spiel soll­ten wir tat­säch­lich ganz bewußt betrei­ben. Statt­des­sen wird jedoch immer so getan, als sei alles echt, als wüß­te man zwi­schen Echt­heit und Unecht­heit sehr wohl zu unter­schei­den. Dabei ist in der Tat vie­les Thea­ter oder man­ches nur ›Show‹, aber mit­un­ter erscheint es so, als käme es ohne­hin nur noch dar­auf an, daß die Show stimmt.—Diskurse wie die über ›Empa­thie‹, ›Auf­merk­sam­keit‹ und ›Wahr­haf­tig­keit‹ lie­gen daher als kri­ti­sche Reak­tio­nen gera­de­zu auf der Hand. Aber auch das sind selbst wie­der nur Rol­len, eben sol­che, die Authen­ti­zi­tät dar­stel­len sol­len, um aber genau dar­in wie­der­um Rol­len­spiel zu betreiben.

Aller­dings spie­len wir alle Thea­ter, neh­men Rol­len wahr, ver­kör­pern sie, gehen aber nicht rest­los dar­in auf. Vor­zei­ten iden­ti­fi­zier­ten sich Men­schen noch mit ihrem ›Stand‹, mit ihrem ver­meint­li­chen gesell­schaft­li­chen ›Sein‹, und der Aus­druck indi­vi­du­el­ler Frei­hei­ten war als ›Spleen‹ nur weni­gen vor­be­hal­ten, ganz exklu­siv am lieb­sten den exzen­tri­schen Atti­tü­den alten Adels. 

Die Uni­ver­sa­li­sie­rung der Rol­len­über­nah­me ist dafür ver­ant­wort­lich, daß inzwi­schen fast nur noch insze­niert wird. Wo zuvor eine gera­de­zu skla­vi­sche Rol­len­be­set­zung statt­ge­fun­den hat, herrscht nun der unbe­ding­te Wil­le zur Mei­nung vor. Das Publi­kum insze­niert sich inzwi­schen selbst, so wie es Poli­tik und Medi­en seit Jahr­zehn­ten vor­ex­er­zie­ren. Daher wird die Kon­stel­la­ti­on immer unüber­sicht­li­cher, es gibt eigent­lich kein Publi­kum mehr, nur noch Akteure.—Insbesondere das Sub­jek­ti­vie­ren, das Emo­tio­na­li­sie­ren und das Skan­da­li­sie­ren kon­kur­rie­ren­der Auf­fas­sun­gen, ein­fach nur, weil sie nicht dem eige­nen Stand­punkt zuzu­ord­nen sind, hat sich inzwi­schen flä­chen­deckend ausgebreitet.

Neu­zeit­li­che Thea­ter­maske für den Dar­stel­ler des Mephisto.—Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Man­che der Instan­zen unse­rer Psy­che las­sen sich wie poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen betrach­ten, zu denen nun­mehr eine neue hin­zu­kom­men wird, ein­fach weil sie hin­zu­kom­men muß: Das mul­ti­ple Selbst ist eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, weil es nun dar­um geht, zwi­schen allen erdenk­li­chen Per­spek­ti­ven zu mode­rie­ren und zwar in dem Bewußt­sein, daß kei­ne die­ser Hin­sich­ten den Anspruch hegen darf, allein gül­tig zu sein. Es gilt, das eine zu tun ohne das ande­re zu lassen.—Allerdings kann es ein gro­ßes nicht nur rein intel­lek­tu­el­les Ver­gnü­gen berei­ten, Gefüh­le einer­seits authen­tisch zu erfah­ren, um zugleich ket­ze­risch das eige­ne Emp­fin­den iro­nisch zu spiegeln.

Zu jeder moder­nen Psy­che gehört es eben, nicht nur die vor­mals exter­nen Instan­zen der Ord­nung, der Dis­zi­plin und der Bestra­fung als Selbst­dis­zi­pli­nie­rung in sich hin­ein­ge­nom­men zu haben. Es gehört eben­so mit dazu, daß wir zugleich eine gan­ze Ket­zer­ver­samm­lung mit uns her­um­füh­ren, die nur auf eine Gele­gen­heit war­tet, alles, was hei­lig sein soll, vom Sockel zu stoßen.—Es kommt eben dar­auf an, selbst­be­wußt genug zu sein, alle die­se inne­ren Wider­sprü­che nicht zu kaschie­ren, son­dern im Gegen­teil, sie als Per­spek­ti­ven zu wür­di­gen, jede, wie es ihr zukommt.

Also: Wird eine Situa­ti­on als ›roman­tisch‹ emp­fun­den, weil sie bestimm­ten Bil­dern, Vor­stel­lun­gen und ein­schlä­gi­gen Nar­ra­ti­ven entspricht?—Solche Fra­gen haben das For­mat von Glau­bens­kon­flik­ten, wie sie Prie­ster seit je hat­ten, wenn sie vor ihrer Gemein­de auf­tre­ten muß­ten, aber nicht offen­bar wer­den las­sen durf­ten, daß sie viel­leicht selbst sich ihres Glau­bens gar nicht mehr so sicher waren. Lan­ge Zeit wur­de erwar­tet, daß sie nicht durch­blicken las­sen, wie es um den eige­nen Glau­ben steht, weil sie doch die ihnen anver­trau­ten Scha­fe in einen pani­schen Schrecken ver­set­zen könnten.

Hawen King: Pro­mo­tio­nal masks
for the DVD release of „V for Ven-
det­ta“ at HMV in Tokyo. To get a
mask you had to buy the DVD. 8.
Sept. 2006, V for Vendetta.—Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Auto­no­mie ist der Anspruch und die Fähig­keit, sich selbst ein eige­nes Bild von der Welt und den Sachen zu machen, selbst wenn sie uns zutiefst berüh­ren und viel­leicht auch äng­sti­gen. Dabei ist es mög­lich, zugleich mit­ten drin zu sein und den­noch sich selbst und das gan­ze Trei­ben von außen zu betrach­ten. Tat­säch­lich ist erst das wah­res Glück, sich inmit­ten erfül­len­der Erleb­nis­ses zu fin­den, die viel­leicht tat­säch­lich muster­gül­tig sind, so wie es die Nar­ra­ti­ve vorsehen.—Glück bedeu­tet, sich selbst in sol­chen Situa­tio­nen als authen­tisch zu erfah­ren und zugleich selbst­iro­nisch den Über­schwang der eige­nen Gefüh­le zu spie­geln. Das erst wäre tat­säch­lich ein Aus­druck von Auto­no­mie, Sou­ve­rä­ni­tät und Selbst­be­wußt­sein. Ent­schei­dend wäre nur, ob die Erleb­nis­se tat­säch­lich von Bedeu­tung sind, oder ob es nur rein äußer­lich um Insze­nie­rung, nur um das ›Als–Ob‹ geht.

Es gilt, ein mul­ti­ples Selbst und Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät zu ent­wickeln. Denn wenn wir den bis­he­ri­gen Ver­lauf der Psy­cho­ge­ne­se in die Zukunft ver­län­gern, dann wer­den wei­te­re Inter­na­li­sie­run­gen fol­gen. Das wer­den vor allem auch sol­che sein, die Pro­ble­me berei­ten, weil sie immer mehr mit­ein­an­der im Hader lie­gen wie Prie­ster und Ket­zer, wie Scha­ma­nen und Wis­sen­schaft­ler, wie Natur– und Kulturwissenschaften.—Es wird ganz gewiß nicht ein­fa­cher, son­dern kom­pli­zier­ter, wenn nun­mehr wei­te­re wider­sprüch­li­che Figu­ren und Nar­ra­ti­ve hin­zu­kom­men, so, wie wir inzwi­schen fast den gan­zen Göt­ter­him­mel in uns haben als Teil unse­rer Psyche.

Nicht nur die sozia­le Außen­welt, son­dern auch die psy­chi­schen Innen­wel­ten dif­fe­ren­zie­ren sich im Ver­lauf der Kul­tur­ge­schich­te immer wei­ter aus. Wenn die Welt, weni­ger die natür­li­che Umwelt, als viel­mehr die sozio­kul­tu­rel­le zwei­te Natur, immer kom­ple­xer wird, dann stei­gen die Anfor­de­run­gen, wirk­lich noch zu ver­ste­hen, was eigent­lich gespielt wird.—Es soll­te daher mög­lich sein, die inhä­ren­te Dia­lek­tik ver­schie­de­ner Per­spek­ti­ven mit allen ein­schlä­gi­gen Dif­fe­ren­zen ganz bewußt in Dienst zu neh­men, um sodann selbst den­ken und sich an die Stel­le eines jeden ande­ren ver­set­zen zu kön­nen, um schließ­lich im Bewußt­sein aller die­ser unter­schied­li­chen Stim­men aufzutreten.

Selt­sa­mer­wei­se erschei­nen gera­de die grie­chi­schen Göt­ter oft wie Dar­stel­ler ihrer selbst. Wenn sie ihre Mas­ken wie ein Visier hoch­ge­klappt haben, dann wir­ken sie wie Schau­spie­ler wäh­rend der Dreh­pau­se in einem der vie­len Stücke, in denen sie sich selbst verkörpern.—Die Göt­ter der Anti­ke sind wie die Stars unse­rer Tage, die Ster­ne von damals sind die Stern­chen von heute.

Alle ihre Fähig­kei­ten, mit denen sie sich im Ver­lau­fe der Zeit ange­rei­chert haben, las­sen sich oft noch an den vie­len Bei­na­men erken­nen. Das sind Aspek­te ver­ein­nahm­ter Häupt­lings­tü­mer, es sind die inter­na­li­sier­ten Gei­ster der Clans, die längst auf­ge­gan­gen sind im grö­ße­ren Gan­zen die­ser Göttergestalten.—Götter ver­fü­gen über mul­ti­ple Iden­ti­tä­ten, daher fällt es ihnen so leicht, in frem­der Gestalt auf­zu­tre­ten, um sich doch selbst treu zu bleiben.

Die Göt­ter beherr­schen das Spiel mit den Mas­ken. Beson­ders Zeus wech­selt ein ums ande­re Mal für Lie­bes­aben­teu­er äußerst spek­ta­ku­lär die eige­ne Gestalt: Er nähert sich sei­ner spä­te­ren Gat­tin Hera als durch­näß­ter, zit­tern­der Kuckuck, als Stier der Euro­pa, als Schwan der Leda, als gol­de­ner Regen der Danaë und um den Hera­kles zu zeu­gen, ver­wan­delt er sich in Amphi­try­on, den Gat­ten der Alkmene.—Ganz offen­bar besteht für ihn nicht der gering­ste Anlaß zur Sor­ge, daß die frem­de Gestalt auch voll­kom­men frem­de Erfah­run­gen beim Lie­bes­spiel mit sich brin­gen könnte.

Göt­ter wie Zeus beherr­schen ein­fach die­ses bedeu­ten­de Kunst­stück, sich auch in frem­der Gestalt noch immer selbst treu zu bleiben.—Und das nun­mehr im Zuge der Psy­cho­ge­ne­se anste­hen­de mul­ti­ple Selbst wird sei­ner­seits über die­se ent­schei­den­de gött­li­che Fähig­keit ver­fü­gen, sich anver­wan­deln zu kön­nen. Das ist eigent­lich der höch­sten Göt­ter Kunst, die Gestalt wech­seln zu kön­nen. Die Ein­wän­de dage­gen, da sei kei­ne Wahr­haf­tig­keit, son­dern nur Insze­nie­rung aber kei­ne Authen­ti­zi­tät, son­dern Vor­spie­ge­lung im Spie­le, kön­nen nicht ver­fan­gen, weil unter­stellt wird, was gar nicht der Fall kann: Wir haben nicht die eine ein­zig wah­re Natur, das inne­re, ein­zig ver­bind­li­che Selbst oder irgend­ei­ne ein für alle Mal fixier­te Iden­ti­tät in uns, die ehr­lich­keits­hal­ber nur zum Aus­druck gebracht wer­den muß, wäh­rend alles ande­re nur Lug und Trug sein würde.

Die Fra­ge nach der Wahr­haf­tig­keit eines Got­tes, der eine Meta­mor­pho­se voll­zo­gen hat, ist unan­ge­bracht, sowohl einem Scha­ma­nen wie auch einem Schau­spie­ler gegen­über. Es ist irrele­vant, ob der Clown hin­ter sei­ner Mas­ke weint und daß im Scha­ma­nen­ko­stüm oder in der Rol­le noch immer der­sel­be Mensch steckt, es kommt dar­auf an, was sich dar­auf ereignet.—Auf die äußer­li­chen Fak­ten kommt es nicht an, ent­schei­dend ist viel­mehr das inne­re Erle­ben: Selbst­ver­ständ­lich ist der Dar­stel­ler, was er vor­gibt zu sein, eben­so wie auch der Scha­ma­ne den geru­fe­nen Geist mög­lichst authen­tisch verkörpert.

Paul Klee: Zwei Män­ner, ein­an­der in höhe­rer Stel­lung ver­mu­tend, begegnen
sich (1903).—Quelle: Public Domain via Wikimedia.

Wir alle spie­len Thea­ter, was kei­nes­wegs bedeu­tet, daß es uns nicht mit der jewei­li­gen Rol­le ernst wäre. Mas­ken­spiel ist eine aus­ge­zeich­ne­te Meta­pher für das, was sich da eigent­lich ereig­net, es ist der Bruch mit der nai­ven Erwar­tung, daß wir immer die­sel­ben sind und es auch bleiben.—Wer eine Mas­ke auf­setzt, über­nimmt eine Rol­le, wird somit zu jemand ande­rem, wech­selt also die Identität.

Im Zen­trum die­ser Erör­te­run­gen ste­hen die Hand­lungs­ur­sa­chen, die Moti­ve und die Ori­en­tie­rung in Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen. Dabei waren die Men­schen der vor­klas­si­schen Zeit, so die­se Theo­rie, offen­bar noch gänz­lich außen­ge­lei­tet. Erst all­mäh­lich beginnt dann die Inter­na­li­sie­rung, so daß wir inzwi­schen fast stets innen­ge­lei­te­te Hand­lungs­mo­ti­ve unter­stel­len dürfen.

Auf irgend­ei­ne Wei­se müs­sen also die vor­ma­li­gen Gei­ster, Göt­ter und Auto­ri­tä­ten oder viel­leicht auch Anti–Autoritäten, all­mäh­lich ins Inne­re, in die Innen­welt unse­rer Psy­che gelangt sein.—Denn: Wir tra­gen die Göt­ter in uns. Sie wur­den inter­na­li­siert, und die Inter­na­li­sie­rung der ehe­dem exter­nen Stim­men gelingt ganz offen­bar in einem Pro­zeß, der an Schi­zo­phre­nie den­ken läßt.


Die Corona-Krise als Katharsis – Fernsehinterview Juni 2020

Philosoph Heinz-Ulrich Nennen: Die Corona-Krise als Katharsis

04.06.2020 ∙ Lokalzeit Münsterland ∙ WDR Fernsehen

Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor Heinz-Ulrich Nen­nen lebt seit Jah­ren im Wohn­mo­bil am Kanal in Mün­ster. Seit der Coro­na-Kri­se hält er auch sei­ne Vor­le­sun­gen und Semi­na­re von dort. Aber nicht nur das: Er schreibt gera­de an einem Coro­na-Buch mit dem Titel „Die Coro­na-Kri­se als Katharsis”.


Philosophischer Salon: Corona–Sprechstunde

Karlsruhe Institut für Technologie
House of Competence

Online–Seminar via ZOOM, 

ab Frei­tag, den 8. Mai 2020, 11:30–13:00 Uhr. 

Kom­men­tar:

Coro­na all­über­all. Es ist das erste Virus mit umfas­sen­der Ansteckung.

Johann Heinrich Füssli: Die schlafwandelnde Lady Macbeth.

Johann Hein­rich Füss­li: Die schlaf­wan­deln­de Lady Mac­beth. Über­tra­gung einer Mono­log-Situa­ti­on aus Shake­speare’s Tra­gö­die (1784). Lou­vre, Room 719, Paris.

›Infi­ziert‹ wur­den nicht nur die Kör­per, son­dern auch die Köp­fe, die Medi­en, die sozia­len Netz­wer­ke, die Poli­tik, die Wirt­schaft, Kul­tur und die Frei­zeit, eigent­lich alles. Das reicht bis ins Sozi­al­ver­hal­ten: Nähe scheint plötz­lich fahr­läs­sig, ja gefähr­lich gewor­den zu sein. Es ist eine umfas­sen­de Krise.

Aber Kri­sen bie­ten auch Chan­cen. Es sind beson­de­re Zei­ten, ein schnel­ler Wan­del kün­digt sich an, mit vie­lem ist Schluß. Zugleich kom­men aber neue Mög­lich­kei­ten auf. Die alte Welt wird unter­ge­hen, es ist die Fra­ge, wie die neue sein wird oder sein sollte.

Es gilt viel zu beden­ken und noch mehr zu bere­den. Per­sön­li­che Erfah­run­gen sind eben­so wich­tig wie Visio­nen vom Gro­ßen und Gan­zen. – Wie wird das eige­ne Leben wei­ter­ge­hen, in wel­cher Gesell­schaft wol­len wir leben? Was ist mit den Äng­sten? Was ist mit der Ver­ant­wor­tung, nicht ande­re zu infi­zie­ren? Was, wenn die Wel­le wiederkommt…

Fra­gen über Fra­gen und Ant­wor­ten, von denen noch viel zu weni­ge in der Welt sind. – Kommt jetzt eine Wen­de­zeit? Was läßt sich tun? Wie steht es um Fri­days for Future?

Wie steht es mit dem eige­nen Lebens­ent­wurf, mit dem Stu­di­um, den Jobs, mit Freun­den und der Familie?

In der Phi­lo­so­phi­schen Ambu­lanz geht es dar­um, daß alle erdenk­li­chen Sachen the­ma­ti­siert wer­den kön­nen. Alle­dem gemein­sam auf den Grund zu gehen, mit eige­nen Wor­ten, dar­in liegt der Reiz. – Dis­kur­se sol­len ent­ste­hen, über die unter­schied­lich­sten The­men, so wie sie gera­de auf den Nägeln bren­nen. Eine ganz beson­de­re Erfah­rung ist dabei von gro­ßer Bedeu­tung, daß es wirk­lich mög­lich ist, sich gemein­sam zu ver­stän­di­gen, so daß sich dabei über­ra­schen­de Ein­sich­ten auftun.

Vor­erst fin­det die­se Ver­an­stal­tung wöchent­lich via Zoom statt, ab Frei­tag, den 8. Mai 2020, 11:30–13:00 Uhr. 


„Methode haben heißt mit dem Weg der Sache gehen”

Ernst Bloch als Phänomenologe

Im Win­ter­se­me­ster 1961/​62 begann Ernst Bloch, nach Zwangs­eme­ri­tie­rung und Mau­er­bau, nun­mehr in Tübin­gen sei­ne über meh­re­re Seme­ster fort­ge­setz­te Tübin­ger Ein­lei­tung in die Phi­lo­so­phie, die spä­ter als Band 13 auf­ge­nom­men wur­de in die Gesamt­aus­ga­be sei­ner Wer­ke von letz­ter Hand. Die bereits ein Jahr zuvor in der Antritts­vor­le­sung ange­kün­dig­te, auf mehr als 22 Ver­an­stal­tun­gen kon­zi­pier­te Rei­he setzt ein, wie Bloch stets sei­ne Phi­lo­so­phie ent­wickelt, bei­läu­fig, aus­ge­hend vom ganz All­täg­li­chen, vom Nicht­phi­lo­so­phi­schen, vom Noch–Nicht–Philosophieren.

Bloch zufol­ge gehört bereits die Hin­füh­rung mit zur Sache selbst. Burg­hart Schmidt, ehe­dem lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter in Tübin­gen berichtet,

„Ernst Bloch bevor­zug­te, ja, betrieb die Text­an­fän­ge mit kur­zen Sät­zen, je kür­zer, um so bes­ser. Das zeig­te gera­de­zu Züge einer Manie bei ihm, hat­te aber über­leg­sa­me und über­leg­ba­re Dar­stel­lungs­mo­ti­ve in sich. (…) Blochs kur­ze Anfangssätze…versuchen sich…in der Gegen­wart fest­zu­ma­chen, sie bemü­hen sich ange­strengt dar­um, kei­nen Anfang und kein Ende zu haben.”

Ernst Bloch, Semi­nar Uni Tübin­gen, Feb. 1971. Quel­le: Wikimedia.

Wenn Bloch der Publi­ka­ti­on der Tübin­ger Ein­lei­tung eine kur­ze Vor­be­mer­kung vor­an­stellt, so liest man als ersten Satz: Mit­ten hin­ein ver­setzt zu wer­den, ist am besten. Hier wird Bloch eher an sich selbst gedacht haben, als an den Leser, den er beim Anfan­gen, Her­an­füh­ren und Wei­ter­füh­ren immer auch atmo­sphä­risch, ja insze­na­to­risch unter­stützt. Nicht der Leser wäre dem­nach mit­ten hin­ein ver­setzt wor­den, son­dern Bloch selbst, der sich zur Zeit des Mau­er­baus gera­de auf Lese­rei­se in Tübin­gen auf­hielt, der zu die­sem Zeit­punkt bereits zwangs­eme­ri­tiert wor­den war, inklu­si­ve Haus­ver­bot an der Leip­zi­ger Universität.

In einem Brief an den Prä­si­den­ten der Deut­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten schil­dert Bloch noch ein­mal die nähe­ren Umstän­de und teilt nicht ohne Bit­ter­keit mit: Mit mei­nen 76 Jah­ren habe ich mich ent­schie­den, nicht nach Leip­zig zurück­zu­keh­ren. Blochs Ruhm in der Bun­des­re­pu­blik ver­brei­te­te sich schnell, berich­tet Peter Zudeick in sei­ner Bio­gra­phie und zitiert Bloch mit den Wor­ten: Eine treff­li­che Uni­ver­si­tät, net­te Kol­le­gen und 1200 Hörer, mehr kann man nicht verlangen.

Ernst Bloch von Hans Neu­bert (1977, Blei­stift­zeich­nung, 42 x 56 cm). Quel­le: Wikimedia.

Auf die soeben erwähn­te vor­an­ge­stell­te kur­ze Vor­be­mer­kung zur Tübin­ger Ein­lei­tung fol­gen die ersten bei­den Zwi­schen­ti­tel: ›Zugang‹ und ›Erschwe­run­gen‹. An drit­ter Stel­le fin­det sich ein erster Haupt­teil unter dem Titel ›Metho­di­sches Fahrt­mo­tiv‹, gefolgt von einem wei­te­ren Abschnitt unter dem Titel ›Wei­sun­gen uto­pi­schen Inhalts‹.—Wie stets beginnt Bloch die Vor­aus­set­zun­gen für die Bedin­gun­gen sei­ner Phi­lo­so­phie ganz all­mäh­lich zu entwickeln.Unverzichtbar sind hier­zu die für ihn zen­tra­len Meta­phern von Rei­se und Fahrt, um den Moti­ven sei­ner Phi­lo­so­phie vor allem auch atmo­sphä­risch Aus­druck zu ver­lei­hen. Vor­erst aber ist von Fahrt hier nur die Rede, im eigent­li­chen Sin­ne in Bewe­gung sind die Dar­le­gun­gen selbst noch nicht.

So him­mels­stür­me­risch die mar­kan­te­sten Zita­tio­nen bloch­scher Pro­ve­ni­enz erschei­nen mögen, in der Ent­wick­lung sei­ner Phi­lo­so­phie bevor­zugt Bloch ganz bewußt eher die gezü­gel­te Bewe­gung, die fast schon gemäch­li­che aber eben zuver­läs­si­ge Stei­ge­rung der Geschwin­dig­keit. Dem­entspre­chend sind die Meta­phern stets genaue­stens kal­ku­liert und in jeder Hin­sicht abge­stimmt; es wird genau jene Stim­mung erzeugt, die der Sache und der Situa­ti­on, in der man sich vir­tu­ell und ima­gi­när soeben befin­det, ange­mes­sen sein sol­len. Bloch ver­steht sich dar­auf, eine ein­mal für erfor­der­lich gehal­te­ne Stim­mung bei der Zuhö­rer­schaft oder auch beim Leser ganz bewußt syste­ma­tisch zu erzeu­gen, um dann erst zur eigent­li­chen Sache zu kommen.


Mythen der Liebe

Die Veranstaltung findet vorerst online statt

Oberseminar: Mythen der Liebe

SS 2020 | donnerstags | 11:30–13:00 Uhr | Raum 30.91–110

Beginn: 23. April 2020 | Ende: 23. Juli 2020

Lie­be steht oft am Anfang, wenn erzählt wer­den soll, war­um die Welt ist und nicht viel­mehr nichts. Vor allem im Mythos ist sie das Motiv aller Moti­ve. Aber auch, wenn die Welt längst erschaf­fen und mehr oder min­der geord­net ist, insze­nie­ren die Mythen das The­ma Lie­be in einer Viel­falt, die immer umfas­sen­der und einem Spek­trum, das immer grö­ßer wird.

Fast alles scheint mög­lich, weil es immer eine Sto­ry gibt, die auch noch von den unmög­lich­sten Begeg­nun­gen fabu­liert. Daher bleibt die Welt nicht wie sie ist, weil sie durch Lie­bes­ge­füh­le in ihrem Nor­mal­ver­lauf immer wie­der gestört und ver­än­dert wird.

Genau das wird vor­ex­er­ziert: Es kommt dar­auf an, Gren­zen zu über­schrei­ten, wenn nur die Moti­ve stark genug sind. Und immer wie­der wird neu durch­ge­spielt, was dar­auf­hin geschieht: Glück und Unglück, Segen und Fluch, Hoff­nung und Ver­zweif­lung lie­gen sehr nahe nebeneinander.

Es gibt kaum ein inten­si­ve­res Ein­füh­len als unter Anlei­tung die­ser Plots selbst ins Fabu­lie­ren zu gera­ten. Klein­ste Varia­tio­nen genü­gen, denn die Plots reagie­ren sen­si­bel auf jede Inter­pre­ta­ti­on. So läßt sich in Erfah­rung brin­gen, daß wir selbst krea­tiv wer­den, wo es ums Ver­ste­hen geht.—Es gilt, den Dia­log mit den Figu­ren zu suchen, um zu ver­ste­hen, war­um sie so agie­ren und nicht anders, wor­auf es dabei ankommt, was eigent­lich hin­ter den Kulis­sen geschieht.

Mythen bie­ten ganz gro­ßes Thea­ter. Wer sich dar­auf ein­läßt, fin­det sich als­bald schon in einer sehr pri­vi­le­gier­ten Posi­ti­on, nahe genug am Gesche­hen, um alles mit­zu­be­kom­men, aber weit genug ent­fernt, nicht selbst mit hin­ein­ge­ris­sen zu werden.—Mythen die­nen unse­rem Anspruch auf Sinn, wenn sie muster­gül­tig durch­spie­len, was der Fall gewe­sen sein könn­te, um uns anstel­le von Erklä­run­gen eine Erläu­te­rung anzu­die­nen. Eben das macht Kul­tur und Bil­dung aus,anhand zeit­über­grei­fen­der Moti­ve ein­schlä­gi­ge Erfah­run­gen zu machen, um Viel­falt und Kom­ple­xi­tät wür­di­gen zu kön­nen und nicht als Bedro­hung emp­fin­den zu müssen.

In den Mär­chen, Mythen, Sagen und Legen­den, in sämt­li­chen die­ser muster­gül­ti­gen Plots ist gera­de die Lie­be eines der stärk­sten Moti­ve über­haupt. Oft kommt die­ses Gefühl aller Gefüh­le urplötz­lich auf. Fast unmit­tel­bar wech­seln Betrof­fe­ne, die zuvor noch ganz bei sich gewe­sen sind, in einen ande­ren Modus.

Schnell zeigt sich, wie uner­bitt­lich die­ser Ruf ergeht, wie wider­stands­los ihm gefolgt wird. Wo Göt­ter, Hel­den oder auch gewöhn­li­che Men­schen in Lie­be ent­flam­men, sind sie bald schon zu allem bereit. Dabei zei­gen sie Züge, die man ihnen eigent­lich nicht zuge­traut hät­te. Sie wach­sen über sich hin­aus, gera­ten aber auch außer sich, unter­neh­men alle erdenk­li­chen Anstren­gun­gen und wech­seln sogar ihre Iden­ti­tät, was nicht immer gut aus­ge­hen muß.

Nicht von unge­fähr wird die­se Ergrif­fen­heit im Sym­po­si­on bei Pla­ton als Wahn begrif­fen und sodann als ›hei­li­ger‹ Wahn geadelt.—Von einem Augen­blick zum ande­ren kann es aus uner­find­li­chen Grün­den gesche­hen, was nicht sel­ten ohne Mühe auch Umste­hen­de beob­ach­ten kön­nen: Eine tief­grei­fen­de Wesens­ver­än­de­rung geht damit ein­her; Gefüh­le, Herz und Ver­stand, Kopf und Bauch, der gan­ze Kör­per spielt verrückt.

›Hei­lig‹ erschien Pla­ton die Lie­be auch in ihrer ele­men­tar­sten Erschei­nung bereits, weil sie gera­de auch denen Flü­gel ver­leiht, die anson­sten ihre Boden­haf­tung nie­mals ver­lie­ren. Inso­fern hat sie nicht nur etwas Anar­chi­sches, son­dern auch etwas Erhe­ben­des. Men­schen ler­nen sich selbst auf eine ganz neue Art ken­nen und nicht nur sie.—Folgt man dem pla­to­ni­schen Modell von den Stu­fen der Lie­be, dann stei­gen wir wie Adep­ten schritt­wei­se all­mäh­lich immer wei­ter auf.

Alle Vor­stel­lun­gen über Lie­be haben eines gemein­sam, sie ist als schick­sal­haf­tes Ereig­nis eigent­lich uner­klär­bar. Also greift der anti­ke Mythos zum Bild eines rechts­un­mün­di­gen Kna­ben, der aus dem Hin­ter­halt mit Pfei­len auf sei­ne Opfer schießt.

Nach­dem Apol­lon den Lie­bes­gott ein­mal als schlech­ten Schüt­zen ver­spot­tet hat­te, räch­te sich die­ser auf urei­gen­ste Wei­se: Eros schoß einen gol­de­nen Lie­bes­pfeil auf den Son­nen­gott, einen mit nur blei­er­ner Spit­ze dage­gen auf die Berg­nym­phe Daph­ne. Dar­auf ver­lieb­te sich Apol­lon unsterb­lich in Daph­ne, die­se aber floh vor ihm. Erschöpft von der Ver­fol­gung bat sie ihren Vater, den Fluß­gott Pen­ei­os, er möge sie ver­wan­deln, wor­auf ihre Glie­der erstarr­ten und sie zu einem Lor­beer­baum wurde.—Seither ist der Lor­beer dem Apol­lon hei­lig, zum Geden­ken an Daph­ne trägt er einen Lor­beer­kranz oder eine mit Lor­beer geschmück­te Kithara.

Das Kon­zept, die Ursa­chen der Lie­be auf die Pfei­le des Amor zurück­zu­füh­ren, ist dazu ange­tan, gar nicht erst erklä­ren zu wol­len, war­um die­se Ver­bin­dungs­stif­tung so unbe­re­chen­bar, ja nicht selten
aben­teu­er­lich ist. Es steckt kein Plan dahin­ter, kei­ner­lei Absicht. Es ist eher wie ein Schicksalsschlag.
Oft kommt näm­lich zusam­men, was zuvor nie zuein­an­der gepaßt hat, was nicht sel­ten ver­fein­det mit­ein­an­der ist seit Menschengedenken.—Immer sind Hin­der­nis­se zu über­win­den, die im Äuße­ren oder auch im Inne­ren lie­gen. Immer ist die Fra­ge offen, ob das gelingt und wenn, ob die Lie­be dann auch gelebt wer­den kann und was dar­aus wie­der­um folgt.


Philosophischer Salon | B–Side–Festival 2019 | Münster

Philosophischer Salon | B–Side–Festival 2019

Samstag | 21. September 2019 | ab 15:00 Uhr

Hansa Coworking | Dortmunder Str. 25 | Münster

Ein neu­es Ver­ständ­nis von Poli­tik steht auf der Agen­da. Es geht um ein neu­es Mit­ein­an­der, das in der Anony­mi­tät unse­rer Städ­te inzwi­schen kaum mehr mög­lich scheint.—Im Ver­gleich zu vor­ma­li­gen Epo­chen sind wir seit den 70ern jedoch sehr viel selbst­be­wuß­ter, selbst­be­stimm­ter, eman­zi­pier­ter und inso­fern tat­säch­lich ›mün­dig‹ gewor­den. Also wer braucht wirk­lich noch Poli­ti­ker, um die eige­nen Inter­es­sen zu ver­tre­ten? Wer braucht noch poli­ti­sche Par­tei­en mit Gesamt­pa­ke­ten, die man von Fall zu Fall anders schnü­ren würde?

Eine lang­fri­sti­ge Ent­wick­lung steht auf der Agen­da, hin zu sehr viel mehr Basis­de­mo­kra­tie. Die her­kömm­li­che Par­tei­po­li­tik mit der Per­so­na­li­sie­rung und Emo­tio­na­li­sie­rung sämt­li­cher Debat­ten durch Medi­en, die sich immer weni­ger um die Sachen selbst bemü­hen, über­haupt, die gan­ze reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie ist nicht mehr zeitgemäß. 

Das ist der eigent­li­che Grund für Poli­tik­ver­dros­sen­heit und Pro­test­wahl­ver­hal­ten. — Es ist an der Zeit, jenen pro­gram­ma­ti­schen Satz aus der Regie­rungs­er­klä­rung von Wil­ly Brandt aus dem Jah­re 1969 wie­der auf­zu­grei­fen: Wir wol­len mehr Demo­kra­tie wagen.

Wer jede Basis­de­mo­kra­tie gene­rös für unrea­li­stisch erklärt, ein­fach weil vie­le in ihren Kom­pe­ten­zen über­for­dert wären und der ›Füh­rung‹ bedürf­ten. Wer glaubt, die angeb­lich äußerst ›schlech­te Natur des Men­schen‹ stün­de sämt­li­chen sol­cher Visio­nen ganz prin­zi­pi­ell ent­ge­gen, ist auf­grund der eige­nen Res­sen­ti­ments zum Opfer der vie­len aber­wit­zi­gen, anthro­po­lo­gisch unhalt­ba­ren Ammen­mär­chen gewor­den: Wer sich und den Ande­ren eine bes­se­re Gesell­schaft ein­fach nicht zutraut, spricht damit das übel­ste Urteil eigent­lich über sich selbst.—Selbstorientierung, Selbst­ver­wal­tung, Selbst­be­stim­mung und nicht zuletzt auch Selbst­ver­wirk­li­chung, dar­auf kommt es an. Wofür und wozu leben wir sonst?

Alter­na­ti­ven fal­len jedoch nicht vom Him­mel, offe­ne Dis­kur­se sind eine Fra­ge der Gesprächs–Kultur. Das Niveau muß sich deut­lich heben. Sehr viel mehr Dis­kur­si­vi­tät muß tat­säch­lich auch ›kul­ti­viert‹ wer­den, wäh­rend die medi­al geschür­ten öffent­li­chen Debat­ten der­zeit noch das gera­de Gegen­teil demonstrieren.—Es geht um Selbst­be­stim­mung, Par­ti­zi­pa­ti­on und um die Pas­si­on für das Gan­ze. Es geht um sehr viel mehr an Mit­ein­an­der, als es in den Arbeits– und Lebens­wel­ten anony­mer Städ­te ›nor­ma­ler­wei­se‹ üblich ist.

Im Stadt­ha­fen von Mün­ster hat sich vor weni­gen Jah­ren eine Initiative gegrün­det und zum Ziel gesetzt, einen alten Spei­cher als Kul­tur­zen­trum wie­der­zu­be­le­ben. Tat­säch­lich war die­se Initia­ti­ve ein außer­or­dent­li­cher Erfolg. 

Es braucht nicht viel Phan­ta­sie, sich vor Augen zu füh­ren, was da so alles in die Wege gelei­tet wor­den ist, das Haus zu erhal­ten und Dis­kur­se zu eta­blie­ren, um aus dem ›Hansa­vier­tel‹ ein Quar­tier zu machen, das sich auf der Grund­la­ge neu­er Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­zes­se immer wei­ter ent­wickeln soll zu einem Ort, an dem das Leben lebens­wer­ter wird, selbst wenn es dort all­abend­lich hoch her­geht. Das ist eine gewal­ti­ge Leistung.

Das waren gewiß nicht weni­ge und auch kei­ne klei­nen Hür­den, die da genom­men wor­den sind. Umso erstaun­li­cher ist es, wie sehr doch das Pro­jekt der B–Side und dann auch noch das Hafen­fo­rum inzwi­schen ›eta­bliert‹ wor­den sind.—Es geht eben auch anders, das ist ›Haus­be­set­zung‹ in den 70er Jah­ren die­ses Jahr­hun­derts. Nicht nur das Haus, son­dern gleich das gan­ze Han­sa­vier­tel ste­hen auf dem Programm.

In die­sem Pro­jekt haben alle Betei­lig­ten, die Akti­vi­sten und Künst­ler, eben­so wie die Ver­tre­ter der Stadt, der Behör­den, der Par­tei­en und nicht zuletzt die Bür­ger des Han­sa­vier­tels gan­ze Arbeit gelei­stet, so daß man sehen kann, daß man­ches gelingt, was anfangs schier unmög­lich schien.

Vom 20.–21. Sep­tem­ber wird das B–Side–Festival 2019 unter dem Mot­to „Partizipassion—Entdecke das Quar­tier in Dir!“ in die 4. Run­de gehen und am Sams­tag, den 21. Sep­tem­ber 2019 fin­det ab 15:00 Uhr im Han­sa Cowor­king der Phi­lo­so­phi­sche Salon statt.

In die­sem Phi­lo­so­phi­schen Salon möch­te ich mit mög­lichst vie­len der Betei­lig­ten eini­gen Fra­gen nach­ge­hen, wie das Unmög­li­che mög­lich gemacht wur­de, wer wel­che Erfah­rung dabei gemacht hat, wo die Rei­se hin­geht und vor allem, ob das, was sich hier ereig­net, Vor­bild­cha­rak­ter hat für mehr Partizipassion.

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Philosophischer Salon

Philosophischer Salon

Literaturhaus im Prinz-Max-Palais

WS 2019 | donnerstags | 18:00–20:00 Uhr

Was­si­ly Kan­din­sky: Thir­ty (1937). Musée natio­nal d’art moder­ne, Paris.—Quelle: Public Domain via Wiki­me­dia.

Kul­tur ist ein Mit­tel, nicht ein­fach nur ver­rückt zu wer­den, ange­sichts der über­for­dern­den Kom­ple­xi­tät einer Welt, der wir als Indi­vi­du­en und auch als Gat­tung ziem­lich gleich­gül­tig sind.—Es gilt, dar­über hin­aus zu gehen und Ord­nung zu schaf­fen, also Bedeu­tun­gen. Kul­tur bie­tet Ori­en­tie­rung und Schutz, sie gewährt Erwar­tungs­si­cher­heit, basa­le Gefüh­le und die Erfah­rung, getra­gen sein von wie­der erkenn­ba­ren Struk­tu­ren, die ver­läß­lich sind.

Wir sind immer auf der Suche nach Sinn, weil sich dar­an das eige­ne Ori­en­tie­rungs­ver­mö­gen selbst wie­der ori­en­tie­ren läßt. Daher ist Ori­en­tie­rungs­ori­en­tie­rung von so gro­ße Bedeu­tung, denn Sinn ver­schafft Sicher­heit im Gei­ste, und das in einer Welt, die über­mäch­tig und eigent­lich auch unbe­herrsch­bar erscheint. 

Aber die Welt läßt sich in Geschich­ten ver­stricken, so daß wir uns wie an einem Ari­ad­ne­fa­den im Laby­rinth einer immer unüber­sicht­li­cher wer­den­den Welt ori­en­tie­ren kön­nen, obwohl wir sie als gan­ze gar nicht überschauen.

Lite­ra­tur­haus | Karls­ru­he | Prinz-Max-Palais | Karl­stra­ße 10 | Foto: Bern­hard Schmitt

Men­schen sind Ori­en­tie­rungs­wai­sen. Jedes Tier ist voll­kom­men inte­griert in den ange­stamm­ten Lebensraum.—Man möch­te anneh­men, daß ›die‹ Natur mit dem Men­schen das Spiel eröff­net hat, wie es wohl sei, ein Wesen zu erschaf­fen, das sich selbst ori­en­tie­ren kann. Inzwi­schen ist die Welt fast voll­stän­dig umge­baut wor­den. Schon bald wer­den zwei Drit­tel der Welt­be­völ­ke­rung in Städ­ten leben.

Der Anspruch, sich in die­sen künst­li­chen Wel­ten zu ori­en­tie­ren, steigt stän­dig. Zur Ori­en­tie­rung braucht es inzwi­schen Ori­en­tie­rungs­ori­en­tie­rung. Dabei soll gera­de auch die Indi­vi­dua­li­tät zum Zuge kommen.—Die Zei­ten sind vor­bei, in denen tra­di­tio­nel­le Rol­len muster­gül­tig gelebt wer­den muß­ten, vor allem Geschlech­ter­iden­ti­tä­ten, die kei­nen Aus­bruch, kei­ne Abwei­chung, kei­ne Spe­ren­zi­en dul­de­ten. Immer weni­ger ›Sinn‹ ist vor­ge­ge­ben, was eben bedeu­tet, sich selbst zu orientieren.

Seit alters her wer­den ein­schlä­gi­ge Ant­wor­ten auf letz­te Fra­gen immer wie­der neu von den Mythen gege­ben, die das Kunst­stück beherr­schen, Welt­ver­trau­en und Zuver­sicht zu schaf­fen. Wie das geschieht, das soll mit immer wie­der neu­en Ein­sich­ten im Phi­lo­so­phi­schen Salon zur Erfah­rung gebracht werden.—Menschen sind kos­mi­sche Wai­sen, aus­ge­setzt in dem Bewußt­sein, sich selbst beden­ken zu müssen.


Philosophische Ambulanz

Philosophische Ambulanz

WS 2019 | freitags | 11:30–13:00 Uhr | Raum: 30.91–110 (OG)

Beginn: 23. Okt. 2019 | Ende: 7. Febr. 2020

Fer­di­nand Bart: Der Zau­ber­lehr­ling, (1882). Zeich­nung aus dem Buch Goethe’s Wer­ke, 1882.—Quelle: Public Domain via Wikimedia

Und sie lau­fen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch ent­setz­li­ches Gewässer!
Herr und Mei­ster! hör mich rufen! —
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewe­sen.
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu sei­nem Zwecke,
Erst her­vor der alte Meister.

(Goe­the: Der Zauberlehrling)

In der Phi­lo­so­phi­schen Ambu­lanz kommt die Phi­lo­so­phie wie­der zurück auf den Marktplatz, wo Sokra­tes sei­ne Dis­pu­te führ­te, immer auf der Suche nach einer Philosophie, die es bes­ser auf­neh­men kann mit der Wirk­lich­keit. In den Dia­lo­gen und Dis­kur­sen der Phi­lo­so­phi­schen Ambu­lanz soll es dar­um gehen, in gemein­sa­men Gedan­ken­gän­gen die bes­se­ren, höhe­ren und tie­fe­ren Ein­sich­ten zu gewinnen.

Ver­ste­hen ist Erfah­rungs­sa­che, Ver­stän­di­gung ist eine Fra­ge der Übung. Oft herr­schen aber fal­sche Vor­stel­lun­gen vor: Gemein­sa­mes Ver­ste­hen ent­steht im Dia­log und in Dis­kur­sen, bei denen es nicht vor­ran­gig um Meinungsäußerungen und Stel­lung­nah­men geht. Es kommt auch nicht dar­auf an, Recht zu behal­ten, sich zu behaup­ten oder etwa ver­meint­li­che ›Geg­ner‹ mund­tot zu machen.—Gewalt ent­steht, wo Wor­te ver­sa­gen, wenn nicht gesagt und ver­stan­den wer­den kann, was einem wirk­lich am Her­zen liegt. Es kommt viel mehr dar­auf an, im gemein­sa­men Ver­ste­hen wei­ter­zu­kom­men, so daß sich die Dis­kur­se anrei­chern und ihre Suk­zes­si­on, also einen Fort­schritt errei­chen. Daher ist es so wich­tig, gera­de im Kon­flikt aus einem Dis­sens her­aus wie

der zu neu­em Ein­ver­neh­men zu fin­den. Erst das macht uns zu mün­di­gen Zeit­ge­nos­sen, wenn wir auch über die eige­ne Stel­lung­nah­me noch frei ver­fü­gen können.—Zu Phi­lo­so­phie­ren bedeu­tet, Wider­sprü­che und Ambi­va­len­zen nicht schleu­nigst auf­zu­lö­sen, weil sie anstren­gend sind. Viel­mehr gilt es, das Den­ken selbst in der Schwe­be zu hal­ten. Der Weg ist das Ziel, gera­de auch beim Philosophieren.

Es gilt, nicht nur die übli­chen Stand­punk­te zu ver­tre­ten, son­dern neue und gänz­lich unbe­kann­te Per­spek­ti­ven zu erpro­ben. Daher ist der Posi­ti­ons­wech sel von so emi­nen­ter Bedeu­tung. Genau das ist ›Bil­dung‹, den Stand­ort der Betrach­tung wech­seln, um eine Stel­lung­nah­me ggf. auch aus einer belie­bi­gen ande­ren Per­spek­ti­ve vor­neh­men, kom­men­tie­ren und beur­tei­len zu können.

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EPG II

Oberseminar: Ethisch–Philosophisches Grundlagenstudium II

WS 2019 | freitags | 14:00–15:30 Uhr | Raum: 30.91–009

Beginn: 17. Okt. 2019 | Ende: 6. Febr. 2020

Universe333: Yoga­Bey­ond Hon­za & Clau­di­ne Bon­di; Beach, Austra­lia 2013.—Quelle: Public Domain via Wiki­me­dia Commons.

Seit 2001 ist das Ethisch–Philosophische Grund­la­gen­stu­di­um (EPG) obligatorischer Bestand­teil des Lehramtsstudiums in Baden–Württemberg. Es besteht aus zwei Modu­len, EPG I und EPG II.—Ziel des EPG ist es, zukünf­ti­ge Leh­re­rIn­nen für wissenschafts– und berufs­ethi­sche Fra­gen zu sen­si­bi­li­sie­ren und sie dazu zu befähigen, sol­che Fra­gen selb­stän­dig behandeln zu kön­nen. The­ma­ti­siert werden die­se Fra­gen im Modul EPG II.

Um in allen die­sen Kon­flikt­fel­dern nicht nur zu bestehen, son­dern tat säch­lich ange­mes­sen, pro­blem­be­wußt und mehr oder min­der geschickt zu agie­ren, braucht es zunächst ein­mal die Gewiß­heit, daß immer auch Ermessens– und Gestal­tungs­spiel­räu­me zur Ver­fü­gung ste­hen. Im Hin­ter­grund ste­hen Idea­le wie Bildung, Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit, die Erfah­rung erfül­len­der Arbeit und Erzie­hungs­zie­le, die einer huma­ni­sti­schen Päd­ago­gik ent­spre­chen, bei der es eigent­lich dar­auf ankä­me, die Schü­ler bes­ser gegen eine Gesell­schaft in Schutz zu neh­men, die immer for­dern­der auf­tritt. In die­sem Sin­ne steht auch nicht ein­fach nur Aus­bil­dung, son­dern eben Bil­dung auf dem Programm.

Auf ein– und das­sel­be Pro­blem läßt sich unter­schied­lich reagie­ren, je nach per­sön­li­cher Ein­schät­zung las­sen sich ver­schie­de­ne Lösungs­an­sät­ze ver­tre­ten. Es ist daher hilf­reich, mög­lichst vie­le ver­schie­de­ne Stel­lung­nah­men, Maßnahmen und Ver­hal­tens­wei­sen syste­ma­tisch durch­zu­spie­len und zu erör­tern. Dann läßt sich bes­ser ein­schät­zen, wel­che davon den päd­ago­gi­schen Idea­len noch am ehe­sten gerecht werden.

So ent­steht all­mäh­lich das Bewußt­sein, nicht ein­fach nur agie­ren und reagie­ren zu müs­sen, son­dern bewußt gestal­ten zu kön­nen. Nichts ist hilf­rei­cher als die nöti­ge Zuver­sicht, in die­sen doch sehr anspruchs­vol­len Beruf nicht nur mit Selbst­ver­trau­en ein­zu­tre­ten, son­dern auch zuver­sicht­lich blei­ben zu kön­nen. Dabei ist es ganz beson­ders wich­tig, die Gren­zen der eige­nen Rol­le nicht nur zu sehen, son­dern auch zu wahren.

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Frauenbilder im Mythos

Oberseminar: Frauenbilder im Mythos

WS 2019 | donnerstags | 11:30–13:00 Uhr | Raum 30.91–110

Beginn: 17. Oktober 2019 | Ende: 6. Febr. 2020

Man sieht, daß sie eben­bür­tig sind, schließ­lich ist sie auch sei­ne Schwester.—James Bar­ry: Jupi­ter and Juno on Mount Ida (um 1790f.)—Quelle: Public Domain via Wiki­me­dia.

Die Rol­len vie­ler Frau­en­fi­gu­ren in den klas­si­schen Mythen zei­gen weit mehr als nur die Sei­te des Opfers (Hele­na), son­dern auch eine Viel­falt weib­li­cher Macht, durch die Stel­lung im Haus als Matro­ne (Hera), durch beson­de­re Fähig­kei­ten wie Ver­nunft (Athe­ne) oder auch Zau­be­rei (Medea), nicht zuletzt aber auch durch Ver­füh­rung (Salo­me). Auch tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Kon­flik­te spie­len hin­ein, wenn Gefühl, Wil­le, Kör­per und Geist eben nicht mit­ein­an­der har­mo­nie­ren (Anti­go­ne) oder wenn der Zwang zur Selbst­ver­leug­nung so groß wird, daß Psy­cho­sen aus­ge­lebt wer­den müs­sen (Dio­ny­sos). Des­wei­te­ren ist die offe­ne Zukunft im Pro­zeß der Selbst­er­mäch­ti­gung des Men­schen ein dau­er­haf­tes Pro­blem (Pan­do­ra).

Die­se Ver­an­stal­tung dient der Gegen­wart und dar­in der Selbst­re­flek­ti­on vor dem Hin­ter­grund einer huma­ni­sti­schen Bil­dung, deren Reiz dar­in besteht, sich men­tal und emo­tio­nal den ganz anders­ge­ar­te­ten Ver­hält­nis­sen in der Anti­ke aus­set­zen zu kön­nen, von denen uns vie­les bis auf den heu­ti­gen Tag noch immer tief berührt. Wir soll­ten die­se alten Zei­ten nicht men­tal über­win­den wol­len, denn es wür­de bereits genü­gen, ein­fach nur zu ver­ste­hen, was Kon­ven­tio­nen mit Men­schen machen können.

Bemer­kens­wert ist die in Sze­ne gesetz­te Empa­thie, als wäre das Werk eine Reak­ti­on auf das von Franz Stuck.—Hermann Haase–Ilsenburg: Fare­well of the Ama­zon (1902).—Quelle: Foto von Golf in der Wiki­pe­dia. via Wiki­me­dia, Lizenz: Crea­ti­ve Com­mons, CC-BY‑3.0.

Auch der Mythos um die Ama­zo­nen ist, neue­ren For­schun­gen zufol­ge, höchst inter­es­sant in der Deu­tung des­sen, was da wirk­lich auf dem Spie­le stand. Die Ver­hält­nis­se waren längst nicht mehr so ein­ver­nehm­lich wie vor­her, als es noch sehr weni­ge Men­schen gab und noch nicht die Ambi­ti­on, dar­aus Unter­ta­nen zu machen.—Vielleicht ist unter sol­chen Bedin­gun­gen sogar die Blut­ra­che nicht so desa­strös, wie sie spä­ter sein wird.

Da sind Prin­zes­sin­nen wie Ari­ad­ne oder Medea, die ihr Schick­sal auf­bes­sern möch­ten und end­lich her­aus wol­len aus der eige­nen, als bar­ba­risch emp­fun­de­nen Kul­tur. Daher wür­den sie für einen hoch­wohl­ge­bo­re­nen grie­chi­schen Prin­zen mit Aus­sicht auf Königs­wür­den wirk­lich alles tun, bis hin zum Hoch­ver­rat des eige­nen Lan­des, der Göt­ter und der eige­nen Fami­lie, sogar bis hin zum Brudermord.

Zwar hat auch Ari­ad­ne ›ihrem Hel­den‹ The­seus ganz ent­schei­dend gehol­fen, den Mino­tau­rus im Laby­rinth von Knos­sos zu töten und wie­der her­aus­zu­fin­den, aber The­seus setzt die Schla­fen­de, also die ihm blind­lings Ver­trau­en­de ganz ein­fach auf der Insel Naxos aus.—Ihr wird aber ein atem­be­rau­bend über­ra­schend schö­nes Schick­sal zu Teil, der Wein­gott Dio­ny­sos ver­liebt sich in die schla­fen­de Schö­ne. Ohne­hin spielt die­ser Gott eine sehr wich­ti­ge Rol­le im Zuge der Frau­en­eman­zi­pa­ti­on, weil er end­lich Mög­lich­kei­ten schafft, daß gera­de auch Frau­en ›unge­zü­gelt‹ sein kön­nen und auch sein dürfen.

Franz Stuck: Ama­zo­ne zu Pfer­de (1897). Lower Sax­o­ny Sta­te Museum.—Quelle: Public Domain via Wiki­me­dia.

Da sind die Opfer gött­li­cher Avan­cen wie Daph­ne, bei der die uner­wi­der­te, ja auf­dring­li­che Lie­be durch­ge­spielt wird, oder etwa Kas­san­dra, die allein für die Aus­sicht auf eine ein­zi­ge Lie­bes­nacht schon mal im vor­hin­ein von Apol­lon mit der Seher­ga­be belohnt wor­den ist, die sich aber stand­haft ver­wei­gert, so daß auch hier wie­der­um der Gott nicht zurück­neh­men kann, was nun ein­mal ver­lie­hen wor­den ist. Dafür aber konn­te er sie sehr wohl noch emp­find­lich tref­fen, die Seher­ga­be soll­te ihr erhal­ten blei­ben, allein, es wür­de ihr nur nie­mand mehr glauben.

Es sind vie­le, wirk­lich sehr ein­drucks­vol­le Bege­ben­hei­ten, einer­seits Stan­dard­si­tua­tio­nen, wie die Los­lö­sung vom Eltern­haus, die Ent­füh­rung der Braut, ero­ti­sche Aben­teu­er, unzwei­deu­ti­ge Ange­bo­te, aber auch ihre gewalt­sa­me Über­win­dung, wonach sie dann auf die­se Wei­se zur Frau ›gemacht‹ wor­den ist, wie etwa Hera durch Zeus, der sich in Gestalt eines bib­bern­den Kuckucks in die Nähe ihres Scho­ßes begibt.

John Wil­liam Water­hou­se: Jason and Medea (1907).—Quelle: Public Domain via Wiki­me­dia.

Dann ist es—so will es die­se Geschlechter–Dramaturgie vor­ma­li­ger Zei­ten, um die Frau gesche­hen. Sie hat nicht auf­ge­paßt, ist hin­ters Licht geführt wor­den. Es genügt, der Gelieb­ten die Ehre zu neh­men, dann wird sie nolens volens ihren Über­wäl­ti­ger hei­ra­ten müssen.—Möglich ist alle­dings auch, daß hier sehr alte Erfah­run­gen reka­pi­tu­liert wer­den, der Frau­en­raub auch unter vor­zi­vi­li­sier­ten Völ­kern. Der Hin­ter­grund dürf­te der sein, daß es eine immens hohe Müt­ter­sterb­lich­keit gege­ben haben dürfte.

Wir sind inzwi­schen mei­len­weit ent­fernt von die­sen Ver­hält­nis­sen, und nur noch weni­ge wis­sen, was eigent­lich im Ritus der ent­führ­ten Braut noch so alles mit­schwingt. Aber vie­les von alle­dem spukt noch immer in den Köp­fen und Kör­pern her­um. Daher ist es so inter­es­sant, die­se eben­so schil­lern­den wie arche­ty­pi­schen Kon­stel­la­tio­nen ganz bewußt neu auszudeuten.

Alles ist Kon­ven­ti­on, ganz beson­ders kon­ven­tio­nell sind auch die gegen­wär­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, in denen vie­le Akti­vi­stIn­nen noch immer davon aus­ge­hen, daß Frau­en stets Opfer sind, die Opfer von Män­nern, daß Män­ner immer Täter sind und daß daher den Frau­en immer­zu Schutz gewährt wer­den müs­se. Genau das aber bewirkt nichts anders als die Auf­recht­erhal­tung über­kom­me­ner Ver­hält­nis­se, die längst nicht mehr dem Sta­te of the art im Dis­kurs über Gen­der gerecht werden.

Aber oft hin­ter­geht gera­de die­ser Dis­kurs sei­ne eige­nen Anfor­de­run­gen. Daher ist es so inter­es­sant, vor dem Hin­ter­grund unse­rer eige­nen Gegen­wart die dra­ma­ti­schen Situa­tio­nen, in die Frau­en im Mythos gera­ten, als sol­che zu deuten.—Wir spie­geln uns immer­zu selbst und dar­auf kommt es an. Daher geht es auch nicht ums Urtei­len, schon gar nicht ums Ver­ur­tei­len, son­dern ein­fach nur und immer wie­der ums Verstehen.

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